Heute geht es um Rainer Werner Fassbinder als Namensgeber und das ist in München ja keineswegs ein ganz unproblematisches Kapitel, man könnte durchaus sagen, dass es erschreckend lange gedauert hat, bis er z.B. Namensgeber eines öffentlichen Raumes werden konnte und das hat Gründe, die wir schon reflektieren müssen. Denn ich finde sehr positiv, dass es hier im schulischen Bereich überhaupt keine, jedenfalls nach außen erkennbaren Widerstände gegeben hat. Die Filmkunst und ihre Repräsentanten, die Filmbranche hat ja schon vor sehr langer Zeit gemeint, dass es eigentlich für die Filmstadt München höchste Zeit sei, den wohl kreativsten Filmemacher des letzten halben Jahrhunderts mit einer Straßenbenennung zu ehren, und das hatte im Kulturausschuss des Stadtrates auch sofort Zuspruch gefunden, bei der Filmbranche sowieso, aber es gab auch Widerstände und die hatten damit zu tun, dass er schon eine sperrige Persönlichkeit war und das grotesker Weise auch im Umgang mit Minderheiten. Er hat einerseits sich als Schutzpatron von Minderheiten verstanden, den Sprachlosen Sprache gegeben, ihre Probleme auf die Leinwand gebracht, ihr Leben und manchmal auch ihr Elend thematisiert. Er ist aber kein Mann der political correctness gewesen, was impulsive Menschen selten sind und so gab es auch Äußerungen, die von anderen Minderheiten sehr lange nachgetragen worden sind. Die Filmbranche war mit die erste, die sich für den Repräsentanten der Filmstadt eingesetzt hat, die schwul- lesbische community hat ebenfalls darauf gedrängt, dass er nicht etwa wegen seines Schwulseins diskriminiert wird. Und es hat reichlich lange gebraucht, bis die Fragen der political correctness im Umgang mit anderen Minderheiten geklärt und abgeklärt werden konnten, so dass eine Straßenbenennung möglich war. Und das in einem Viertel, wo es wirklich passt, wir haben im Arnulfpark ein wirklich bedeutendes Münchner Filmviertel, was die Straßenbenennung angeht, zustande gebracht. Und dort befindet sich der Rainer-Werner-Fassbinder-Platz in bester Gesellschaft neben Elisabeth Bergner, Marlene Dietrich, Elisabeth Flickenschild, Erika Mann, Wede Moosheim, Lilli Palmer, Luise Ullrich und, um noch einen Regisseur zu nennen, Bernhard Wicki. Damit ist sozusagen der langjährige Streit zu Lebzeiten Fassbinders und auch für die Jahrzehnte nach seinem Tod entschieden, Rainer Werner Fassbinder ist als ganz großer Künstler ein geeigneter Namenspatron.
Aber dann auch noch für die Schule?, könnte man kritisch nachsetzen. Und das hat durchaus in Bürgerbriefen und bei besorgten Eltern (aber ich glaube nicht, dass die wirklich alle ein Kind an dieser Fachoberschule hatten) Fragen aufgeworfen - ist er doch an Drogenkonsum oder zumindest nach Drogenkonsum gestorben. Ich denke, dass eine große künstlerische Persönlichkeit das Recht hat, als Künstler gesehen und gewürdigt zu werden und nicht nach ihren Sekundärtugenden beurteilt zu werden, die wir ohnehin in unseren Anstalten gelegentlich etwas überschätzen. Rainer Werner Fassbinder ist ein ganz großer Filmemacher, ein zu Lebzeiten wenig geliebter Sohn der Stadt, in der er seine Karriere begonnen hat, aber einer, der die Theaterszene, damals buchstäblich noch privates Kellertheater, und das Filmschaffen geprägt hat, als kritischer Geist – und das ist ja wohl eine Haupttugend, die in den Bildungseinrichtungen gepflegt werden sollte – als kritischer Geist und als kreativer Mensch. Und das ist zumindest für den Teil der Fachoberschule, der sich mit Gestaltung beschäftigt, ein weiterer wichtiger Hinweis.
Dass wir uns mit seinem Leben auch immer wieder etwas verunsichert und verstört auseinandersetzen, macht ihn eben zu einer großen Persönlichkeit, die nicht einer normalen vorgezeichneten Berufslaufbahn und allen dazu gehörigen Sekundärtugenden nachgekommen ist. Sein Filmschaffen brauche ich einer Einrichtung, die ihn sich ja selber als Namensgeber ausgesucht hat, nicht mehr in Erinnerung rufen, die Klassiker, wie „Angst essen Seele auf“ oder „Effi Briest“, „Berlin Alexanderplatz“ oder „Die Sehnsucht der Veronika Voss“, sind uns allen noch in Erinnerung. Und vielleicht stelle ich ja etwas provinziellen Reaktionen, mit denen das offizielle München zu seinen Lebzeiten reagiert hat, die etwas weltstädtischere Stimme der New York Times gegenüber, wo sein Talent zu Lebzeiten und nicht posthum nach einigen Jahrzehnten angemessen gewürdigt wurde. Es hieß dort erst „Er ist der leuchtendste, talentierteste, provokativste, originellste, produktivste und erhebendste Filmemacher seiner Generation.“ Treffender kann man es wohl nicht beschreiben, welche Bedeutung er hat, welches Werk er hinterlassen hat, aber auch welche Verstörung er gelegentlich ausgelöst hat. Mit München war er, obwohl niemals wirklich herzlich einbezogen und wirklich unterstützt, dennoch aufs Engste verbunden. Hier liegen nun einmal, wenn es auch gelegentlich eine Hassliebe seinerseits war, die Wurzeln seines künstlerischen Werdegangs, hier hat er die Schauspielschule besucht, nachdem er die Prüfung an der staatlichen Schauspielschule nicht geschafft hatte, hier stieß er 1967 zum action-Theater in der Müllerstraße, hier gründete er mit Hanna Schygulla, Kurt Raab u.a. das antiteater, hier lebte er erst in der Reichenbachstraße, später in der Clemensstraße. Es sind inzwischen Kultstätten für seine Fangemeinde: hier hat er seine großen Filme und Fernsehproduktionen gedreht und hier ist er, da hab ich dann noch einmal die Vorbehalte gegen seine Persönlichkeit intensiv im Briefstudium kennen lernen dürfen, hier ist er auf dem alten Bogenhausener Friedhof begraben.
Rainer Werner Fassbinder jetzt also als Namenpatron einer städtischen Fachoberschule - da stellt sich natürlich die Frage, hat er auch etwas mit Sozialwesen zu tun? Bei Gestaltung stellt sich die Frage ja nicht, aber Sozialwesen! Ich glaube, das beste Zitat dazu hat er selber geliefert und ich möchte es kurz zitieren: „Für mich,“ sagt Rainer Werner Fassbinder, „war immer wichtig, Filme zu drehen über Menschen und deren Verhältnis zueinander, deren Abhängigkeit voneinander und von der Gesellschaft.“ Jetzt kommt ein sehr harter, gesellschaftskritischer Satz: „Abhängigkeit macht Menschen unglücklich und wenn man ihnen das bewusst macht, dann arbeitet man halt sozial.“ Sozialwesen wird hier nicht verstanden als Almosen, das Bedürftigen zukommt, sondern als Bewusstseinsbildung, als Aufklärung und als kritisches Potential. Denn wenn Abhängigkeit bewusst gemacht werden soll und Abhängigkeit unglücklich macht, dann dient diese Aufklärung ja wohl der Änderung der Gesellschaft, der Beseitigung von Abhängigkeitsverhältnissen, unter denen gelitten wird. Und dann ist Sozialwesen nicht Reparaturbetrieb und schon gar nicht Almosenverteilung, sondern kritisches Potential, das auf gesellschaftliche Veränderung drängt. Besser, denke ich, kann man den Bildungsauftrag einer Fachoberschule für Sozialwesen nicht definieren.
Meine Damen und Herren, erlauben sie mir noch kurze Anmerkungen, weil hier das örtliche Zusammentreffen wirklich glücklich ist: Wir haben hier ein Zentrum beruflicher Bildung, was uns an den Münchner Stadtschulrat Georg Kerschensteiner erinnert, der die Weichenstellung für ein modernes, berufliches Schulwesen vorgenommen hat und gewissermaßen als Erfinder des dualen Systems gelten kann. Und wir sind hier in einem Zentrum, das nach Anton Fingerle benannt ist, also nach einem Wegbereiter einer demokratischen Erziehung nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches und ein Mann, der mit dem Wiederaufstieg des Münchner Bildungswesens untrennbar verbunden ist. Dass dieses Zentrum nach ihm benannt ist, ist auch, denke ich, ein Glücksfall. Eine Rainer-Werner-Fassbinder-Fachoberschule in einem Anton Fingerle Bildungszentrum weist schon eine erstaunliche Bandbreite auf! Ich merke erschreckt, wie man alt wird, denn ich habe beide noch gekannt, den CSU-Stadtschulrat, der im Rathaus residierte und den man gar nicht zu interviewen brauchte, weil man sein Genuschel sowieso nicht verstanden hat, man war also ziemlich frei im Erfinden von Zitaten, wenn man seine Gespräche mit dem Stadtschulrat wiedergeben wollte. Und Rainer Werner Fassbinder, der in Schwabinger Kneipen, vor allem im Fallmerayer Hof, gleich um die Ecke, mit anderen Jungfilmern über die Verhältnisse hergezogen ist. Der aufmüpfige, fast anarchistische Chaot und der bildungsbürgerliche CSU-Professor vereint in einem Haus, das hat was, auf jeden Fall hat es eine ganz beachtliche Bandbreite. Ich gratuliere der Schule zu ihrer couragierten Entscheidung, die, wie alle interessanten Entscheidungen, wohl auch ein wenig kontrovers ist und damit mehr als ein bloßes Ritual, irgendeinen Großen des 19. Jahrhunderts noch höher auf den Sockel zu stellen, das ist Einmischung in aktuelle Meinungsbildungsprozesse im besten Sinne. Und es freut mich, dass die Schule damit weniger Schwierigkeiten hatte als bei der Straßenbenennung der Stadtrat mit allen gesellschaftlichen Gruppen.
Jetzt muss ich aber noch eines tun, denn wenn schon, dann mache ich gleich drei Dinge in einem Aufwasch: Erst Protestanten beruhigen, dann die Ehrung Fassbinders begründen und dann noch eine Amtshandlung. Der Zufall will es, dass Ihr Schulleiter, Rainer Unglehrt, am Ende dieses Monats, wie man immer sagt, ob es stimmt oder nicht, in den wohlverdienten Ruhestand tritt. Nun muss ich sagen, dass ich den Rainer Unglehrt noch länger kenne als den Rainer Werner Fassbinder, denn Fassbinder war nur im Fallmerayer Hof anzutreffen, das waren etwa 150m. Mit Rainer Unglehrt habe ich mich in einer Kneipe getroffen, die nur etwa 50m von zu Hause entfernt war, wo wir in jungen Jahren dem SPD-Ortsverein beigetreten sind. Und jetzt sage ich Dir etwas, lieber Rainer, was ich Dir nur heute sage, aber beim Ehrentag gehört sich das einfach. Wir haben uns damals gestritten, dass die Fetzen flogen, weil er damals schon so vernünftig war, wie ich erst werden musste. Er hat nämlich, man stelle sich das vor, damals als Jungsozialist die These vertreten, man solle nicht pausenlos und zwanghaft am sozialdemokratischen Oberbürgermeister herumnörgeln. Ich fand das damals skandalös, heute kann ich nur sagen: Du hast vollkommen Recht gehabt!