Verehrter Bürgermeister,
Lieber Christian Ude,
Verehrte Frau Stadtschulrätin,
Liebe Elisabeth Weiß-Söllner,
Liebe Ehrengäste, liebe Lehrer und Schüler …
Liebe Hanna, liebe Rosel, lieber Harry, lieber Theo und Charly
Lieber Rainer Unglehrt,
Nun sind wir zusammengekommen und feiern die Namensgebung der Städtischen Rainer-Werner-Fassbinder-Fachoberschule für Sozialwesen und Gestaltung. Die erste Schule der Welt, die seinen Namen trägt.
Und dass der Namenspatron, zwar im klassischen Sinne ein Künstler einerseits, aber andererseits ein ungemein praktisch Veranlagter war, der im Laufe seines Learning-by-Doing-Lebenslaufes nicht nur Essayist, Schriftsteller, Theaterautor, Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur, Kameramann, Produzent und manchmal auch Cutter war, sollten wir freilich nicht vergessen. Drum passt sein Name, und das, was man mit ihm als Künstler verbindet, hier besonders gut. Dass Rainer darüber hinaus noch zu den international anerkanntesten deutschen Künstlern zählt, kann man vielleicht auch noch anführen.
Wenn es ihn auch zeitweise wegtrieb vom bayerischen Ur-Boden, so wird München, als Ausgangspunkt seiner weiteren künstlerischen Laufbahn, nie an Bedeutung verlieren, denn viele seiner Filme sind ja auch wieder in München gedreht worden. Zum Beispiel Fassbinders Verfilmung von
Die Ehe des Herrn Bolwieser, dem Roman von Oskar Maria Graf, dem er durch seine filmische Umsetzung ein Denkmal gesetzt hat – ein weiterer Exil-Bayer, der bis zum Ende seines Lebens in New York lebte und seine Heimat einfach in sich trug. Auch Alfred Döblin bleibt unvergessen durch RWFs Monumentalverfilmung des Klassikers aus den Zwanzigern,
Berlin Alexanderplatz. Große Teile des Filmes sind hier in den Münchner Bavaria Filmstudios gedreht worden.
Theodor Fontanes
Effi Briest, und Jean Genets
Querelle sind ebenfalls Romanvorlagen, die zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung radikale Gesellschaftsportraits waren, die dasselbe erforschten, nämlich “… die Städte der Menschen und ihre Seele”. Und das war Rainers Urthema, das er sowohl im Film als auch auf der Bühne immer wieder neu formulierte. Teilweise verstörte er dabei unvorbereitete Betrachter oder rührte sie auf, letztendlich half er jedoch - damals wie heute - vieles von dem zu begreifen, was die Zeit ausmachte und prägte: Vor allem die gesellschaftliche Ordnung der Bundesrepublik Deutschland der ausgehenden Sechziger, die die Verdrängung zum Überleben noch brauchte.
Ein junger, bewußter Mensch wie Rainer, im Jahre Null - 1945 - geboren, konnte da nicht wegschauen. Und dabei entstanden Filme mit Blick auf die damalige Gegenwart, unvergessen schon wegen ihrer Titel:
Angst essen Seele auf,
Händler der Vier Jahreszeiten,
Ich will doch nur, dass ihr mich liebt, oder
Faustrecht der Freiheit,
Die Ehe der Maria Braun,
Lola,
Die Sehnsucht der Veronika Voss. Am Ende waren es 43 Filme und über 30 Theaterstücke, und viele viele Texte ...
Und immer stand er an der “Front”, ganz zart und liebevoll im Blick auf die Menschen, und zugleich unbeschützt: Der Fassbinder!
Kommen wir jetzt zum eigentlichen: Man sollte meinen, dass es nur aufwärts ging bei Rainer, seit seinem kometenhaften Aufstieg, der in München begann, aber forscht man in Kindheit und Jugend hinein, besonders zwischen 1951 und 1966, dann stößt man auf die allgemein unbekannte Schulzeit. Und da hat er mir oft so grauenvolle Sachen erzählt, dass ich selbst eine lange Zeit brauchte, bis ich Sachen aus diesem Lebensabschnitt anschauen mochte, irgendwie war ich da immer solidarisch und dachte mir: “Der Rainer, der braucht seine Schulzeit nicht”. Aber doch prägt sie unser aller Leben, und in Rainers Werdegang sollte man sie nicht unterschlagen, denn es gibt zwischen all den schlechten Zeugnissen auch eine Entdeckung: Die drei Jahre Steinerschule, die er nach dem ersten Volksschuljahr besuchte, waren wohl seine glücklichsten. Davon gibt es auch zärtliche Berichte seiner Lehrer, denn Zeugnisse gab es in diesem Sinne dort nicht … und gerade deshalb ist es eine wunderbare Fügung, dass Sie, lieber Rainer Unglehrt, gemeinsam mit dem gesamten Kollegium, einstimmig und ohne Gegenstimme, sich entschlossen haben, die Stadt München um die Bewilligung des Namens Rainer Werner Fassbinder nach dem “Städtisch” zu bitten.
Und, dass das Münchner Schulamt, und damit die Stadt München, sich nicht beirren ließ von möglichen Einwänden, freut mich ganz besonders … Deshalb möchte ich, auch im Namen der Anwesenden und der Nichtanwesenden aus aller Welt, herzliche Glückwünsche bestellen. Dem Rainer täts übrigens auch gut gfalln …. und bedanken würd er sich sehr, wenn er nur könnte!