Schließlich hat diese Schule viele Jahre lang, von 1983 bis 1996, als „Nummernschule“ überlebt:
als FOS II – und auch in diesen Jahren war sie eine ganz hervorragende Schule.
Geht es also jetzt plötzlich darum, die Arbeit der Schule unter den leuchtenden Stern eines Vorbilds zu stellen?
Ich glaube, das wäre ein tüchtiges Missverständnis, auch wenn die Namensgebung gerade von Schulen oft so verstanden wird. Darum ist uns diese Frage (für wen und wofür RWF eigentlich ein Vorbild sein soll) ja auch auf dem Weg bis zur endgültigen Entscheidung des Stadtrats so oft gestellt worden.
Natürlich könnten wir nie auf die Idee kommen, unseren Schülerinnen und Schülern RWF in den Details seiner Lebensführung als Vorbild zu empfehlen.
Aber könnte man das, um nur zwei andere Beispiele herauszugreifen, mit Thomas Mann oder Bertolt Brecht?
Wer die Tagebücher des Egomanen Thomas Mann kennt, der wird die Rede vom Vorbild schnell beenden. Genauso wohl im Falle Brecht, wenn man seinen Umgang mit Frauen bedenkt oder seinen ausgeprägten Opportunismus im Verhältnis zur Macht und den Mächtigen.
Ich glaube, so erklärt sich schnell, warum das mit den Vorbildern nicht klappt.
Was ist es also dann, das die Namensgebung nahe legt?
Nach meinem Verständnis etwas zunächst sehr Vordergründiges:
ein Name ist ein Markenzeichen, die Schule ist kein no-name-Produkt mehr.
Der Name gibt uns neben anderem explizit auch diese Möglichkeit der Identifikation, der Wiedererkennbarkeit, auch des gegenseitigen Wiedererkennens der gegenwärtigen und früherer Schülerinnen und Schüler.
Ich sage: ein Markenzeichen.
Welches Zeichen setzen wir also?
Wir sind wiedererkennbar an dem Namen eines Künstlers des 20. Jahrhunderts.
Seine Ausdruckswelt, der Film, ist ein Medium des 20. Jahrhunderts und unserer Gegenwart, der Moderne.
So wie wir uns verstehen, sind wir eine moderne Schule.
Wir sind wiedererkennbar am Namen eines Künstlers, der provoziert, der Vertreter eines rein bürgerlichen Weltverständnisses aufs Blut reizen muss.
Hier trifft sich das in vielem unkonventionelle Selbstverständnis unserer Schule mit der unkonventionellen Welt des RWF.
Ein Künstler, der sich und denen, die mit ihm gearbeitet haben, ein beispielloses Lebenswerk abgetrotzt hat.
Und es ist sicher kein Zufall, dass ihn in seinen späteren Jahren (soweit sich das bei seiner Lebenszeit so sagen lässt) ein amputierter Held wie Franz Biberkopf fasziniert hat, der, wie es bei Döblin heißt, vom Leben mehr verlangt als das Butterbrot, den aber sein Schicksal auf unbarmherzige Weise stößt und schlägt, bis schließlich das furchtbare Ding, das sein Leben war, einen Sinn bekommt.
Dies zu betrachten und zu hören, so sage ich auch über das Werk und das Leben des RWF, wird sich für viele lohnen, die auch in einer Menschenhaut wohnen.
RWF ist nicht unser Vorbild, aber wir erkennen in ihm und seinem Werk sehr viel von dem wieder, was uns als Schule beschäftigt und was mit dem Besonderen zu tun hat, das wir an unseren Schülerinnen und Schülern wahrnehmen.
Wir danken Ihnen, Frau Weiß-Söllner, dass Sie den Stadtrat mit unserem Anliegen befasst haben, wir danken Ihnen, meine Damen und Herren vom Stadtrat der Landeshauptstadt München, der im Schulausschuss unserem Vorschlag ohne Gegenstimme gefolgt ist, wir danken Ihnen, Herr Oberbürgermeister, dass Sie, wie wir wissen, von Anfang an auf unserer Seite waren, und wir danken Ihnen, liebe Juliane Lorenz, dass Sie uns als Inhaberin der Rechte am Namen und am Werk RWFs die erforderliche Genehmigung erteilt haben.
Wir danken Ihnen und Ihrem Team auch für die vielfältige Unterstützung bei der Vorbereitung des heutigen Tages.
Als Zeichen unseres Dankes darf ich Ihnen dieses Bild überreichen, das mittlerweile schon unsere Schulhäuser zu RWF-Schulhäusern macht.
Wir wünschen diesem Bild einen schönen Platz in der Giesebrechtstraße (wir wissen auch wo) und wir werden uns bei Gelegenheit gerne davon überzeugen.
Sie, verehrte Anwesende, möchte ich noch einladen, sich im Anschluss in unser Gästebuch einzutragen. Es wird im Außenbereich der Aula, nicht weit von unserem Buffet zu finden sein.
Freuen wir uns jetzt auf ein interessantes Gespräch mit Fassbinders Weggefährtinnen und Weggefährten.