Es ist gewiß nicht übertrieben, wenn ich betone, wie Dein unvergleichlicher Geschmack und dein Wissen in der Kombination mit den räumlichen Gegebenheiten vor Ort das MoMA so besonders aber auch so besonders effektiv machen.
Es ist hilfreich sich zu vergegenwärtigen, daß New York bis heute diejenige US-Stadt ist, die am grundlegendsten von Europa beeinflußt ist. Als Du im Jahr 1968 mit Deiner Museumsarbeit begannst, da gab es weder für interessierte Laien noch für Verleiher oder Wissenschaftler großartige Möglichkeiten, sich in Amerika europäische Filme anzuschauen. Deswegen befaßten sie sich mit Deinen Programmen, ließen sich von Ihnen inspirieren und spielten ‚Deine’ Filme, die dann durchs ganze Land reisten, nachdem Du sie erstmals am Museum of Modern Art vorgestellt hattest.
Wie kommt es aber, daß Du Dich so oft deutschen Filmen zuwendest und warum begann das MoMA 1971 sogar mit der jährlich stattfindenden Veranstaltungsreihe „Recent Films from West-Germany“, die heute den Titel trägt: „Recent Films from Germany“?
Ich möchte dazu einen Impuls von Larry aufgreifen, der einmal sagte: „Die deutsche Kultur beeinflußte die amerikanische und in den frühen zwanziger Jahren Hollywood, was dann eigentlich zur Begründung des amerikanischen Films führte.“ Dann hast Du dieser Idee Fakten hinzugefügt: 1921 bat Mary Pickford Lubitsch, in die USA zu kommen und mit ihr zu arbeiten, da sie nicht länger die Naive spielen wollte. Später folgte W.D. Pabst und drehte den großartigen amerikanischen Film „Sunrise.” Ihm folgten wieder andere, darunter Billy Wilder, Fritz Lang und die Ikone Marlene Dietrich mit ihrem Schöpfer, Joseph von Sternberg.
Eine zweite Welle talentierter deutscher Filmschaffender in die USA war die Folge des erfolgreichen „New German Cinema“ in den siebziger Jahren. Zu den Stützen eines neuen amerikanischen Kinos gehörten Volker Schlöndorff, Wolfgang Petersen und Roland Emmerich, aber natürlich ebenfalls der Kameramann Michael Ballhaus oder der Komponist Hans Zimmer.
Es gibt jedoch einen weiteren Schlüssel: Du wurdest 1948 in Ottawa, Kanada, in eine Familie geboren, die zu Beginn des 20. Jh. aus Europa eingewandert war. In Deiner Kindheit warst Du noch von jiddischer Sprache umgeben. Deine ersten Erfahrungen mit ausländischen Filmen machtest Du in den fünfziger Jahren im kanadischen Fernsehen. In dieser Zeit wurden mehrmals wöchentlich am späten Abend neue europäische Filme ausgestrahlt. Und in dieser Zeit sahst Du WILDE ERDBEEREN von Bergmann, DIE LETZTEN TAGE von Pabst und Fellinis LA STRADA.
Ich würde gern noch ein Stückchen weiter gehen: Während Deiner ersten Studienjahre in einem Bachelor-Programm an der heimischen Carlton University gründetest Du eine Film Society, in der Du amerikanische Avantgardefilme vorführtest, die aufgrund der strengen Zensurbestimmungen in Kanada verboten waren. Um Deine Studien fortzusetzen hast Du Dich entschlossen, nach New York zu gehen, wo Du ab Mitte der sechziger Jahre das eben gegründete Institut für Filmwissenschaft der Columbia Universität besuchtest. Gleichzeitig begannst Du damit, ein wunderbares Buch über die Geschichte und das Machen von Filmen in Amerika zu schreiben. Es hat den doppeldeutigen Titel „Reel Plastic Magic“ und wurde 1970 veröffentlicht. Auf deutsch heißt das etwa so viel wie: “Eine Rolle – Aus Plastik – Magie.”
Noch als Student der Columbia University hast Du begonnen, für das New American Cinema zu arbeiten, wo Du Filme von Andy Warhol, Stan Brakhage, Robert Kramer und Kenneth Anger vorstelltest. Und dann hast Du auch noch Deinen Spielfilm SLOW RUN gemacht, den ich leider nie sah.
Seit deiner ersten Ausstellung am MoMA im Jahr 1968, die den Titel „The Lubitsch Touch“ trug, bis zur „Isabelle Huppert“ Retrospektive, die Du letztes Jahr kuratiert, recherchiert und programmiert hast und über die Du auch geschrieben hast, sind unter Deiner Federführung mindestens sechzig wichtige Retrospektiven veranstaltet worden. Dabei hast Du Dich auf Filmemacher, Produzenten, Schauspieler oder Sonderthemen konzentriert. Darüber hinaus bist Du Mitglied diverser nationaler und internationaler Gremien, Juries und Komitees. Seit Gründung des Sundance Festivals 1988 bist Du auf deren Beratergremium, und seit 1998 bist Du einer der drei Direktoren der amerikanischen Fassbinder Foundation.
Deine lebenslange Hingabe zum Film, besonders zum deutschen Kino, ist eine Liebe, die wir miteinander teilen. Mir scheint, das ist auch der Grund, warum wir uns dann 1993 begegneten. Unser erstes Treffen werde ich nie vergessen. Wir trafen uns in Manhattan in einem kleinen Restaurant auf der 53. Straße in der Nähe des MoMA zum Mittagessen. Ich trug ein Päckchen unterm Arm: Es waren der Katalog und das Programm der ersten kompletten Fassbinder Retrospektive mit Ausstellung, die wir 1992 in Berlin veranstaltet hatten. Ich fragte Dich dann, ob Du Dir vorstellen könntest etwas Ähnliches in New York zu machen, und Du sagtest: „Aber natürlich.“ Und als ich Dir später gestand, daß ich vor deinem „No!“ Angst hatte, da sagtest Du: „Aber ist denn Fassbinder nicht der Schlüssel zu Deutschland? Seine Filme stellen doch alle diejenigen Fragen, die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg stellen mußten, oder? Wie hätte ich denn auf deine Frage jemals mit ‚No’ antworten können?“
Die Fassbinder Retro begann am 16. Januar 1997 mit einer Podiumsdiskussion in Sundance. Du richtetest Fragen an Hanna Schygulla, Barbara Sukowa, Margit Carstensen and an mich. Vor uns war ein vollbesetzter Konferenzraum, in dem etwa 300 junge Leute versammelt waren, die Fragen stellten und uns anschauten, als ob wir von einem fremden Planeten kämen. – Nach drei Stunden von Rede und Antwort war ich überzeugt, es gibt ein neues Publikum von Filmliebhabern und Filmemachern. Sie sind allesamt gebildet und intelligent, und sie suchen sich von den vergangenen Meistern genau das passende heraus und wandeln es dann so um, wie sie es für ihre eigenen Filme und ihre heutigen Geschichten und ihre eigenen Erfahrungen gebrauchen können. Und auf genau diese Weise überleben die Alten Meister. Während die weltweite Wiederentdeckung Fassbinders in Sundance, Utah, begann, bist Du es gewesen, Larry, der ihn zurückbrachte.
Ich könnte noch viele wunderbare Geschichten erzählen, die wir gemeinsam erlebten, wie zum Beispiel unsere Podiumsdiskussion im letzten Jahr im Pariser Centre Pompidou. Dieses Mal waren es junge französische Filmschaffende, die sich den kompletten Fassbinder anschauten und Du warst glücklich und auch stolz über die ausverkauften Vorstellungen und die langen Warteschlangen vor den Kinos, die genau so waren, wie die am MoMA im Jahr 1997.
Ich weiß nicht, ob sich dies alles ohne Deine ausschlaggebende Retrospektive entwickelt hätte. Laß mich Dir und Deiner wunderbaren Frau Jillian Slonim, die eine Expertin und Unterstützerin des französischen Films ist, deshalb sagen: Ich liebe Euch beide auf immer und ewig und von ganzem Herzen. Alles Liebe Juliane