Nun war ich aufgeregt. Nicht einmal Rainer hatte ihn getroffen – woran ihm auch nicht unbedingt gelegen war. Aber für Dieter war es ein lang gehegter Wunsch gewesen. Schon während der Dreharbeiten in den Berliner CCC-Studios, im März 1982, hatte er über Genets Verlag vergeblich versucht, diesen zu bewegen nach Berlin zu kommen. Immerhin lebte Genet zwischen 1936 und 1937 für einige Monate in der Stadt nachdem er aus der französischen Armee desertiert war. Erst auf Grund von Vertragsklauseln, die dem Produzenten eine aktuelle und vollständige Vita Genets zusagten, schickte der Verlag einen kurzen, von Genet handschriftlich verfassten Text: Ein sehr klarer und ohne Pathos verfasster Text, den wir dann als Faksimile abgefilmt an den Schluss des Films stellten.
Wir waren pünktlich am verabredeten Ort erschienen und meldeten uns an der Rezeption. Herr Genet würde gleich kommen, hieß es, und so warteten wir in der riesigen Haupthalle der herrschaftlichen Grunewald-Villa, die ein reicher Rechtsanwalt zwischen 1912 und 1914 im Stil des spätbarocken Klassizismus erbaut hatte, und die in den fünfziger bis Anfang der siebziger Jahre als Ort für den Eröffnungs- und Abschlussempfang der Berlinale diente. Nun wurde sie seit einiger Zeit als Luxushotel geführt.
Unsere Blicke schweiften durch den mit Holzwänden vertäfelten Raum. Plötzlich entdeckten wir auf den mächtigen Sofas Francois Bondy, den großen Kultur-Feuilletonist der FAZ, und Peter Stein, Theatermagier und Gründer der Berliner Schaubühne. Offensichtlich warteten sie auch auf Genet. Nach etwa zehn Minuten öffnete sich eine Tür oberhalb des an die zehn Meter hohen Empfangsraumes, wohin eine Holztreppe führte und ein äußerst jung erscheinender Jean Genet kam leichtfüßig und lächelnd die Treppen herunter geschwebt. Unten angekommen zögerte er kurz im Gang und sah sich um. Offensichtlich wusste er nicht auf welchen der drei Wartenden er sich nun zu bewegen sollte, und da niemand von uns auf ihn zustürzen wollte, steuerte er kurz entschlossen in unsere Richtung. Was dann folgte war äußerst amüsant und genauso leicht und unverklemmt wie man sich Genet vorstellen wollte. Dieter eröffnete das Gespräch indem er zuerst mich vorstellte und dann sich selbst, als Produzent von Querelle. Was Genet lächelnd bemerken ließ: “I think you owe me still money!” Dieter antwortete in freundlichster Weise, dass er dies selbstverständlich nachprüfen ließe. Worauf Genet anfügte: “Who is the guy who did the film as director?” Und wieder erhielt er eine höfliche Antwort: Rainer Werner Fassbinder! Ja, warum sollte Genet den Namen Fassbinder für sich auch gespeichert haben, dachte ich damals. Als Dieter ihn dann über seinen Anfang 1944 geschriebenen Roman ausfragen wollte, meinte er nur: “I do not remember my early writings. They are not anymore important. But they helped me once to survive.” Er erzählte auch von seiner kurzen Zeit in Berlin, nachdem er aus der französischen Armee desertiert war und auch davon, dass er damals einen jungen Liebhaber gehabt habe, der ein begeisterter Nationalsozialist gewesen sei. Und dass er Berlin und Deutschland bald wieder verlassen musste, fügte er an - eher verschmitzt und die Frage offen lassend weshalb. Wir wussten ja, dass seine Rückkehr nach Frankreich erneut zu einer Verhaftung und Verurteilung als Deserteur geführt hatte, die mit älteren Strafen, die er bereits verbüßt hatte, dann verrechnet wurde. Aber neue Delikte führten zu neuen Verurteilungen und er wanderte wieder ins Gefängnis. Er habe vor allem Bücher geklaut, meinte Genet schmunzelnd während unser nun folgenden Konversation, bei der sich unsere Anspannung legte.
Und während ich ihm zuhörte kamen mir damals auch all die Gedanken, die man haben muss, wenn man einem „berüchtigten“ und genialen Autor und Schriftsteller begegnet, der natürlich in dieser Zeit, in der er seine ersten Stücke und Romane schrieb, noch nicht der Jean Genet war, zu dem er dann später wurde. Bei einem dieser Gefängnisaufenthalte nach seiner Rückkehr nach Frankreich schrieb er Anfang 1940 sein erstes langes Gedicht: Der zum Tode Verurteilte, das er nach seiner Entlassung selbst veröffentlichte und nur Freunden gab, wodurch ein Exemplar der selbstverlegten Ausgabe bei Jean Cocteau landete. Der somit auf ihn aufmerksam wurde und ihm dann half vor Gericht von guten Anwälten vertreten zu werden. Was Genet aber trotz allem nicht davor bewahrte, immer wieder kleinere Delikte zu begehen und wieder hinter Gittern zu landen. Und dann in dieser Abgeschlossenheit ununterbrochen zu schreiben begann. Cocteau und andere verhalfen dazu, dass er in Pariser Künstlerkreisen immer bekannter wurde, was Jean-Paul Sartre auf ihn aufmerksam werden ließ, der ihm wiederum zu einen Teilabdruck seines ersten Romans Nortre-Dames-des-Fleurs verhalf. Genet verfiel in einen regelrechten Schreibrausch und verfasste kurz darauf seinen zweiten Roman, Querelle de Brest und die ersten beiden Stücke Die Zofen und Unter Aufsicht.
Der Dieb und Deserteur Jean Genet sollte bald einer der berühmtesten Dichter, Romanciers und Theaterautoren Frankreichs werden und später, seine erste Schreibphase neigte sich bald dem Ende zu, 1950 auch seinen einzigen Film, den schönsten stummen schwarz-weißen Kurzfilm des Weltkinos drehen lassen: Un Chant d´Amour. Ein gefilmtes Gedicht über den Traum eines homosexuellen jungen Mannes, der im Gefängnis sitzt und sich nach Liebe und Zärtlichkeit sehnt. Selbst der stille Beobachter im Film, ein Gefängniswärter, der durch die Zellenluke schauend Zeuge jener erotischen Phantasien wird, zeichnet Genet als Mitleidender. Ein Film von einer unbeschreiblichen Poesie und zugleich einer der erotischsten der Filmgeschichte. Vielleicht würde sich Genet heute im Grabe umdrehen wenn er seinen Film auf YouTube in bester Qualität sehen würde: Nicht mehr als wunderschöner Stummfilm, sondern mit Musik untermalt, die die erotische Einsamkeit des Häftlings eher zur Soap degradieren lässt. Trotz allem strahlen die Schwarzweißbilder noch heute jene Kraft und Schönheit aus, die mir durch mein erstes Sehen mit Rainer in Erinnerung war – auf einer großer Leinwand in einem kleinen Münchner Kunstkino, genau in der Zeit, als Rainer das Drehbuch zu Querelle schrieb. Besonders die Stille des Filmes beeindruckte uns damals, eine Stille, die das konzentrierte Sehen der Bilder auslöst und den Betrachter in Genets erotischen Traum unweigerlich hineinzieht.
Genet war bester Laune während unseres Gesprächs, er erzählte Anekdoten und blieb bei allem auch ein Schelm. Kurz bevor wir alle drei aufstanden und uns verabschiedeten, suchte er nervös sein Feuerzeug. Es war offenbar verschwunden und er durchsuchte seine Hosen- und Hemdtaschen. Ohne Erfolg. Woraufhin auch Dieter seine Taschen durchsuchte und ein Feuerzeug fand, das er ihm gab. Genet lächelte und meinte mit funkelnden Augen: “But I am usually the thief…” und zog dabei von dannen, zuerst zu Francois Bondy um ihn zu begrüßen und dann zu Peter Stein.
Genet starb drei Jahre später in Paris, in einem kleinen Hotel, in dem er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte: In einem kargen Zimmer, nur mit einer Matratze und einem Tisch und Stuhl ausgestattet. Er hinterließ keine materiellen Güter, nur ein poetisches schriftstellerische Werk. Sein Leben war erfüllt.
Berlin, 3. November 2010