Am 14. Februar versammelten sich also Fans und Kritiker, Aficionados und Sponsoren, Stars und Starlets ebenso wie Stabmitglieder vor ausverkauftem Haus. Wie schon zuvor, so war es den Verantwortlichen abermals gelungen, Unterstützung und Beihilfe auf höchstem Niveau zu sichern: Zu den Förderern gehörten neben der Kulturstiftung des Bundes abermals auch das New Yorker Museum of Modern Art, und der Originalkameramann, in diesem Fall der weltberühmte Michael Ballhaus, hatte professionell-kompetent die Überwachung der aufwendigen Restaurierung des Originalmaterials mittels modernster Technologie übernommen. Eine Teamarbeit im besten Sinne des Wortes, wo öffentliche Gelder und privates Engagement abermals zu höchsten Leistungen und besten Ergebnissen führten.
Und nachdem es in Folge der BERLIN ALEXANDERPLATZ Premiere zu einer der häßlichsten medialen Schlammschlachten gekommen war, staunte man nicht schlecht, dass am Ende Juliane Lorenz und Ingrid Caven gemeinsam auf der Bühne des Ostberliner Kinos International standen, vor dem monumentalen Glitzervorhang, hinter dem man zuvor über dreieinhalb Stunden einen der bemerkenswerten Science Fiction Filme verfolgen konnte. Monumental, in einem farblich derart authentischen Ausmaß makellos, dass man manchmal meinte, die seventies hätte man angesichts ihrer Schrillheit vielleicht doch besser nur sonnenbebrillt durchlebt.
WELT AM DRAHT führt im frühen 21. Jahrhundert vielleicht auf andere Fährten, als der Titel „Simulacron III“, die Romanvorlage von F. Galouye von 1964. Denn im dem ursprünglich vom WDR als Fernsehzweiteiler ( ... das muss man sich auch aus heutiger Sicht einmal vorstellen, ein öffentlich-rechtlicher Sender produzierte diesen Streifen ... ) konzipierten Film geht es in der Tat um simulierte Welten und die ganz konkrete Frage danach, was echt sei, in einem Zeitalter totaler Verkabelung und Überwachung. Und dann der Supergau, der manches Leben kostet: Zusätzlich zu dem vom Institut für Kybernetik und Zukunft vorgelegten Kunstuniversum—mit bereits mehreren tausend virtuellen menschlichen Existenzen, die freilich nicht die geringste Ahnung davon haben, nur Simulakren und ergo eigentlich nichts anderes als hochkomplexe Schaltkreise zu sein—gibt es angeblich eine weitere Ebene, von der aus die aktuelle Ebene überhaupt gebaut, geplant, überwacht, manipuliert und mit Kunstleben gefüllt wird... Aber in diesem potentiellen Horrorszenario aus big-brother-is-watching-you gibt es auch jede Menge, manchmal vermutlich unfreiwillig, komische Szenen, Action, Liebelei, Romantik und eben seventies bis zum Anschlag.
Bei aller Zeitaktualität—die in ihrer Essenz radikale, existentielle Fragen auch an unsere gegenwärtige Existenz stellt—zum Thema Überwachung ist es auch ein Riesenspaß, RWFs favorites vor der Kamera wieder einmal zu erleben: In stilvoll-stillen Tableaus grüßen uns Werner Schroeter und Magdalena Montezuma aus Nightlife-Dekadenz entgegen, winkt Eddie Constantine in einem spukhaften Notturno und erlebt man, nicht zuletzt in den zahllosen namenlosen Darstellern, eine Schnittmenge aus dem, was RWF als ambitionierter Regisseur thematisiert und dann mit Personal bevölkert, das seinem persönlichen Umfeld der Zeit entspringt. Und: zum Einsatz gebracht wird, und wenn es als hüftenschwenkender Schoko-Go-Go-Boy am Pool oder als leichtbeschürzter Küchenchef im Gastronomiemilieu ist. Simulationen durchziehen Fassbinders Oeuvre ja auf unterschiedlichsten Ebenen. Im Volksmund auch, freilich leicht anders, gerne Verfremdung genannt, macht es einen Heidenspaß zu erleben, wie Frau Caven ihre rauchige Stimme Mascha Rabben verleiht, die in ihrer umwerfenden Makellosigkeit aber buchstäblich tonlos bleibt. RWF mischt auf und regt an. Dazu gehört Ulli Lommel als der Reporter Rupp vom Tagesanzeiger als Rächer der Entehrten, der real der Simulationstechnik fatal unterlegen ist. Oder Fassbinders Mutter Liselotte Eder, die als Angestellte der Personalabteilung ein perfektes Opfer organisatorischer Perfidie ist und jede gewünschte Anfrage höflichst in den Computer hineintippt, um dann mit Bedauern feststellen zu müssen, diesen Angestellten gebe es ja nun tatsächlich gar nicht. Auch Barbara Valentin gibt in diesem Umfeld die unvergleichliche Chefsekretärin Gloria Fromm: Sie ist als busenwunderhaftes Sexsymbol gleichsam Instrument der Macht und bringt den Protagonisten schier zur Verzweiflung, in ihrer dümmlich-servilen Angepasstheit. Ob die Gottfried John angedichtete Identitätseinheit Eins, Einstein, ein Kompliment oder Hohn oder reiner Pragmatismus seitens RWF war, muss wohl unentschieden bleiben, in jedem Fall entschwindet Einstein alias John kurzfristig der simulierten Welt und entkommt in die vermeintlich reale Welt. Kurt Raab ist als Mark Holm einer der Computertechnologen der gemeinen Art: Er bootet Löwtisch / Fred Stiller aus und trägt maßgeblich zu dessen Untergang bei.
Rainer Werner Fassbinder findet in einem Zukunftsszenario Facetten, die nicht zuletzt seine Spiel- und Inszenierfreude ankurbeln und es ihm ermöglichen, seine Protagonisten, allen voran Klaus Löwitsch, Auftritte zu ermöglichen, die zu Sternstunden eines aufgeweckten, bewegt-bewegenden und noch heute zutiefst berührenden Kinoerlebnisses beitragen. Vermutlich wird die gleichsam brillante DVD mit spannendem Extramaterial (so steuerte Juliane Lorenz ein Making of bei) kein adäquater Ersatz für diesen Abend sein können—denn dann wäre sie wohl ein ... Über-Simulacron!