Von Juliane Lorenz
Es ist etwas über ein Jahr her, dass uns Peter W. Jansen in der Foundation in Berlin besuchte. Er wollte ein Essay über Pitigrillis Roman Kokain schreiben und interessierte sich natürlich für die Drehbuchfassung, die RWF für den Produzenten Horst Wendlandt schon geschrieben hatte.
Peter war aufgeregt als er zu uns kam und zugleich sehr
neugierig auf RWFs handschriftliche Aufzeichnungen, die ich ihm zum
eingehenden Studium überließ. So staunte und wunderte er sich freudig
über all die Raritäten in unserem Archiv und konnte sich kaum
beruhigen, ob dieser nachvollziehbaren Akribie, der bis ins kleinste
Detail vorbereiteten Produktionsnotizen RWFs und der langen Listen, die
er für seine Drehbücher nach Romanvorlagen gerne anzulegen pflegte. Das
umfängliche, handschriftlich gefasste Drehbuch wies nicht eine einzige
Korrektur auf und war im Frühjahr 1981 innerhalb von nur sechs Wochen
enstanden.
Peter W. Jansen geriet ins Schwärmen. Das war es auch,
was RWF an Jansen einst so schätzte: Sein aufmerksames, kritisches
Engagement, das ihn dazu brachte, eines seiner ehrlichsten, intimsten
und längsten Interviews vor einer Kamera überhaupt zu geben.
Für Peter war sein Besuch bei der RWFF vielleicht ein Versuch etwas aus
dem Tal der Beschwernis der Krankheitsbewältigung herauszutreten und
das mittels seiner Leidenschaft: des “Sehens von Filmen”. Das
Beschreiben, die Reflektion darüber im Schreiben und das Gefühl damit
der überstanden geglaubten Krankheit etwas entgegen setzen zu können.
Es war seine Art das gestundete Leben zu nutzen und weiter zu kämpfen…
Pitigrillis Roman Kokain, dessen Veröffentlichung in den 20igern der
italienischen Zensur zum Opfer gefallen war und der bis 1988 sogar noch
auf dem deutschen Index für jugendgefährdende Schriften geführt wurde,
schien ihn seit seiner verspäteten Veröffentlichung in den 70iger
Jahren zu einer Neubetrachtung zu inspirieren und das unter
Einbeziehung der vorhandenen Materialien der von RWF avisierten
Verfilmung.
Ich weiß nicht, ob das umfangreiche Essay vollendet wurde. Peter kam
nicht mehr dazu, das was ihn tiefer interessierte, noch einmal einer
Quellenüberprüfung unterziehen zu können. Aber wer die Zeugnisse seiner
filmhistorischen Betrachtungen kennt, kann erahnen, mit welchem
umfassenden Blick er diesem Thema weiter begegnet wäre. Durch diese
Begebenheit wird mir nun um so schmerzlicher bewusst, welchen Verlust
sein Tod für die Filmpublizistik bedeutet. Denn Peter W. Jansen war
einer der größten, ehrlichsten und profiliertesten Filmbetrachter, und
wie er es gerne selbst schlicht bezeichnete: “Filme-Seher” in
Deutschland. Er war zudem einer der Wenigen, die diesen Beruf nicht
zum ständigen Übungsterrain der Selbstdarstellung und öffentlichen
Verbrennung von Filmemachern samt der sie umgebenden Branche verkommen
ließ. Ohne wohlfeile Beeinflussung durch den gerade geltenden Geschmack
behielt er seinen vorurteilsfreien Blick. Er nahm sich nur eines
wirklich heraus, nämlich dass er nur über die Filme schrieb, die ihn
persönlich interessierten. Ein selbstauferlegtes Privileg, das in
seiner Generation der Filmkritiker noch eher möglich war. Und was ihn
interessierte, das verteidigte er, mehr noch, beschrieb er
leidenschaftlich und bezog zuweilen eine wahrhaft kämpferische Stellung
dazu.
In der 100-bändigen Hörfunkreihe Jansens Kino ist seine
Begabung für das Filme-Erzählen eindrücklich nachzuhören. Und vor allem
ist er selbst als Verantwortlicher dieser legendären filmkritischen
Sendungen, in denen er 100 Meisterwerke des internationalen Kinos für
den Südwestfunk vorstellte, zu hören.
Peter W. Jansen war mir
ein ferner und immer naher Freund, der mich und die RWFF seit deren
Anbeginn begleitet hat: Kritisch beratend und unterstützend – und vor
allem immer wieder Mut machend! Wenn ich seinen Rat suchte, blieb er
sachlich und zugleich parteinehmend. Sein Urteil war mir ein Maß. Er,
der mir niemals arrogant oder belehrend begegnete, ermöglichte es mir
tatsächlich die letzten Zweifel einer schwierigen Entscheidungsfindung
abzulegen.
Das Vertrauen, das Rainer ihm entgegenbrachte hat er
weder benutzt noch überbewertet. Seine Haltung gegenüber RWF übertrug
er später auch auf meine Arbeit innerhalb der RWFF. Er war Rainer stets
mit Respekt entgegengetreten, obgleich Peter fünfzehn Jahre älter war.
Der Altersunterschied tat dann ebenso wenig unserer Freundschaft und
der gegenseiten Anerkennung einen Abbruch.
Nie hätte Peter W. Jansen in einem Artikel eine Meinung
wiedergegeben, die er nicht gründlich nach Zeugnissen überprüft wusste
und zuvor erschöpfend recherchiert hatte. Eine arbeitsintensive
Tugend, die heute nur noch wenige Filmjournalisten ihr eigen nennen
können.
Dass die bei Carl Hanser erschienene Reihe Filme von
Peter W. Jansen und Wolfram Schütte initiiert und herausgegeben werden
konnte, ist seinem Durchsetzungsvermögen und dem unbedingten
Qualitätsbewusstsein seiner Kritikergeneration zu verdanken. Seine
unverwechselbare Sprache in der Betrachtung bleibt im Gedächtnis und
macht neugierig auf Film. Da reicht heute kein noch so aufregendes
Presseheft oder irgendeine Vermarktungsstrategie heran. Peter W.
Jansens Partner an der Hand war der anfangs noch unwissende
Filmzuschauer, den es galt, für etwas zu gewinnen, was ein über 50
Jahre geschulter Blick auf Filme, die im besten Sinne den Kopf und die
Seele befreien, greifbarer macht.
Peter wird nicht nur seiner Familie fehlen sondern auch mir und einer kommenden neuen Generation von Filme-Sehern.
Berlin, 17.11.2008